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Wie Breaking entstand: Bronx, Hip-Hop und die Geschichte einer Tanzkultur

  • Autorenbild: Duy-Bach Nguyen
    Duy-Bach Nguyen
  • 8. Okt. 2021
  • 4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 1 Tag

Dieser Beitrag geht auf eine wissenschaftliche Hausarbeit zurück, die ich 2016 im Fach Sportwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt verfasst habe. Für die vorliegende Fassung habe ich den historischen Überblick vollständig überarbeitet, ältere Webquellen entfernt und die Darstellung an neuere Forschung und museale Quellen angepasst.

Dabei verwende ich überwiegend den Begriff „Breaking“. In älteren Quellen und im allgemeinen Sprachgebrauch finden sich auch „B-Boying“, „B-Girling“, „Breakdance“ oder „Breakdancing“. Die Bezeichnungen überschneiden sich, sind aber nicht vollkommen gleichbedeutend. In der heutigen internationalen Tanz- und Wettbewerbspraxis ist „Breaking“ die gebräuchliche Bezeichnung.

Breaking entstand nicht aus einem einzigen Moment

Die Entstehung von Hip-Hop und Breaking wird häufig mit der Bronx in New York City in den frühen 1970er-Jahren verbunden. Ein besonders bekannter Bezugspunkt ist die von Cindy Campbell und ihrem Bruder Clive Campbell, bekannt als DJ Kool Herc, organisierte Back-to-School-Party am 11. August 1973 in der 1520 Sedgwick Avenue. Herc verlängerte mit zwei Plattenspielern die perkussiven Break-Passagen von Funk- und Soulplatten – genau jene Abschnitte, auf die Tänzer besonders intensiv reagierten.

Dieses Ereignis ist historisch wichtig und wird häufig als symbolischer Geburtstag des Hip-Hop bezeichnet. Es wäre jedoch zu einfach, daraus eine einzelne Geburtsstunde des gesamten Hip-Hop oder des Breakings abzuleiten. Musik, Tanz, Graffiti, Partykultur und lokale Formen des Wettbewerbs entwickelten sich parallel, beeinflussten sich gegenseitig und wurden erst im Rückblick zu einer zusammenhängenden Kulturgeschichte geordnet.

Die Bronx als sozialer und kultureller Kontext

Die Bronx der 1970er-Jahre war von tiefgreifenden ökonomischen und städtischen Veränderungen geprägt. Deindustrialisierung, Armut, Wohnungszerfall, kommunale Finanzprobleme, Segregation und Gangkonflikte gehörten zur Lebensrealität vieler Bewohnerinnen und Bewohner. Gleichzeitig war der Stadtteil kein ausschließlich von Niedergang bestimmter Raum. Familien, Nachbarschaften, Jugendgruppen und lokale Musikszenen schufen eigene soziale und kulturelle Räume.

Hip-Hop entstand in diesem Spannungsfeld. Das National Museum of African American History and Culture beschreibt die damalige Bronx ausdrücklich sowohl als von Armut, Drogen und Gangkultur belastet als auch als starke, vielfältige und familienorientierte Gemeinschaft. Diese Gleichzeitigkeit ist wichtig: Hip-Hop war nicht lediglich ein passives Produkt sozialer Not, sondern auch Ausdruck von Kreativität, Gemeinschaft, Wettbewerb und kultureller Selbstbestimmung.

Black und Latino Youth: eine verflochtene Geschichte

Eine rein afroamerikanische oder rein lateinamerikanische Ursprungserzählung greift zu kurz. In der Bronx lebten und arbeiteten Afroamerikaner, Puerto Ricaner und Menschen mit weiteren karibischen Migrationsgeschichten eng nebeneinander. Das Smithsonian hebt insbesondere die Rolle afroamerikanischer, puerto-ricanischer und karibischer Akteure hervor. Auch musikalisch trafen Funk, Soul, Disco, Salsa, jamaikanische Soundsystem-Erfahrungen und andere Einflüsse aufeinander.

Für Breaking ist diese Verflechtung besonders relevant. Die frühe Szene bestand aus jungen Tänzerinnen und Tänzern unterschiedlicher Herkunft, die in Partys, Crews, Cyphers und Battles eigene Bewegungsstile entwickelten. Deshalb ist Breaking besser als gemeinschaftlich entwickelte urbane Tanzkultur zu verstehen als als Erfindung einer einzelnen Person oder Gruppe.

Vom Break zur Tanzsprache

Die Bezeichnung verweist auf die musikalischen Breaks, in denen die rhythmische und perkussive Struktur eines Stücks besonders hervortritt. DJs verlängerten solche Passagen, indem sie zwischen zwei Platten wechselten. Für Tänzer entstand dadurch mehr Raum, um sich im Kreis – dem Cypher – zu zeigen und auf Musik sowie andere Tänzer zu reagieren.

Breaking entwickelte dabei keine unveränderliche Bewegungsliste. Toprock, Footwork beziehungsweise Downrock, Freezes und später stärker akrobatisch geprägte Power Moves gehören heute zu den bekannten Kategorien. Ihre Formen, Namen und Gewichtungen veränderten sich jedoch über Jahrzehnte. Der Ethnomusikologe Joseph G. Schloss zeigt in seiner ethnografischen Forschung, wie stark Geschichte, Stil, musikalische Kompetenz, Battle-Praxis und Wissen innerhalb der Szene miteinander verbunden sind.

Battle und Cypher: Wettbewerb ohne eindeutige politische Botschaft

Breaking wird häufig als Form des Widerstands beschrieben. Diese Perspektive ist nachvollziehbar, wenn Widerstand weit verstanden wird: Junge Menschen eigneten sich öffentlichen und halböffentlichen Raum an, entwickelten eigene ästhetische Maßstäbe und schufen soziale Anerkennung innerhalb einer Kultur, die außerhalb etablierter Institutionen entstand.

Problematisch wird die Deutung jedoch, wenn Breaking auf eine eindeutige politische Botschaft reduziert wird. Die frühe Szene war kein einheitliches politisches Programm und Breaking war nicht schlicht „der Widerstand der Schwarzen gegen die Weißen“. Hip-Hop-Forschung betont vielmehr widersprüchliche Motive: Gemeinschaft und Konkurrenz, Selbstinszenierung und Zugehörigkeit, lokale Identität und globale Einflüsse, Spaß, Virtuosität und soziale Kritik konnten gleichzeitig vorhanden sein. Tricia Roses Arbeit zu Hip-Hop und urbaner Kultur ist für diese differenzierte Perspektive grundlegend.

Wie Breaking Teil von Hip-Hop wurde

Heute wird Hip-Hop häufig über vier Elemente beschrieben: DJing, MCing beziehungsweise Rap, Breaking und Graffiti. Dieses Modell ist nützlich, um zentrale Praktiken zu benennen, sollte aber nicht als starres historisches Schema missverstanden werden. Die frühen Szenen waren lokaler, fluider und personell miteinander verflochten. Nicht jede Person, die breakte, war zugleich Teil aller anderen Praktiken – und nicht jede Entwicklung verlief zeitgleich.

Für Breaking blieb die Musik dennoch zentral. Musikalität bedeutet nicht nur, den Takt zu treffen. Tänzer reagieren auf Breaks, Akzente, Instrumente, Pausen und Veränderungen im musikalischen Aufbau. Diese Beziehung zwischen Musik, Improvisation und individuellem Stil unterscheidet Breaking von einer bloßen Abfolge akrobatischer Tricks.

Von New York in die Welt

In den späten 1970er- und besonders den frühen 1980er-Jahren verließ Breaking zunehmend den lokalen New Yorker Kontext. Crews, Bühnenauftritte, Fotografien, Fernsehen und Filme machten den Tanz international sichtbar. Mit dieser medialen Verbreitung setzte sich außerhalb der Szene auch der Begriff „Breakdance“ durch.

Die globale Ausbreitung bedeutete nicht, dass überall dieselbe Tanzform kopiert wurde. Lokale Szenen entwickelten eigene Stile, Trainingsformen und Wettbewerbe. Breaking wurde damit zugleich eine New Yorker Kulturtradition und eine globale Tanzpraxis. Die Aufnahme in das olympische Programm von Paris 2024 markierte einen besonders sichtbaren Schritt der Institutionalisierung – ohne die kulturellen Wurzeln des Tanzes auf den Sportwettbewerb reduzieren zu können.

Warum die Geschichte für das Training wichtig ist

Wer Breaking nur als Akrobatik lernt, versteht einen wesentlichen Teil der Tanzform nicht. Technik, Kraft und Beweglichkeit sind wichtig, aber ebenso Musikalität, Improvisation, individueller Stil, Battle-Kultur und historisches Wissen. Gerade deshalb gehört die Auseinandersetzung mit der Entstehungsgeschichte für mich zu einem fundierten Breaking-Training.

Historisches Wissen sollte dabei nicht aus vereinfachten Legenden bestehen. Die Geschichte des Breakings ist komplex, mündlich überliefert und in Teilen umstritten. Gute Quellen unterscheiden deshalb zwischen belegbaren Ereignissen, Erinnerungen von Pionierinnen und Pionieren und späteren Deutungen.

Literatur und weiterführende Quellen

Schloss JG. Foundation: B-Boys, B-Girls, and Hip-Hop Culture in New York. Oxford University Press; 2009.

Fogarty M, Johnson IK, Hrsg. The Oxford Handbook of Hip Hop Dance Studies. Oxford University Press; 2022/2023.

Rose T. Black Noise: Rap Music and Black Culture in Contemporary America. Wesleyan University Press; 1994.

Chang J. Can't Stop Won't Stop: A History of the Hip-Hop Generation. Picador; 2005.

National Museum of African American History and Culture / Smithsonian Institution. Hip-Hop in the Bronx sowie weitere Sammlungen zur Geschichte von Hip-Hop.

Smithsonian National Museum of American History. Beiträge zur afroamerikanischen, lateinamerikanischen und karibischen Verflechtung der frühen Hip-Hop-Kultur.

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